Morgen ist Montag

Montag ist Heute

Neandertaler betrieben bereits vor 125.000 Jahren „Fettfabriken“Bahnbrechender Fund in Deutschland zeigt groß angelegte Fettverarbeitung durch Neandertaler

02.07.2025

PRESSEMITTEILUNG DES LEIBNIZ-ZENTRUMS FÜR ARCHÄOLOGIE

Fett ist ein äußerst wertvoller Nährstoff – kalorienreich und insbesondere dann überlebenswichtig, wenn andere Ressourcen knapp sind. Schon unsere frühesten Vorfahren in Afrika schlugen Knochen auf, um an das energiereiche Mark im Inneren zu gelangen. Eine neue archäologische Studie, veröffentlicht in Science Advances, belegt nun: Neandertaler trieben die Gewinnung von Fett aus Knochen noch deutlich weiter. Die Studie entstand unter Leitung von Archäologinnen und Archäologen des MONREPOS – Archäologisches Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution, einer Einrichtung des Leibniz-Zentrum für Archäologie (LEIZA), und der Universität Leiden (Niederlande), in Kooperation mit dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt.

Der Fundort Neumark-Nord 2 in Mitteldeutschland liefert die Beweise: Die dortigen Überreste stammen aus einer Warmzeit vor rund 125.000 Jahren, in der das Klima ähnlich war wie heute. Die Fundstelle lag inmitten einer Seenlandschaft. Die Forschenden fanden nun heraus, dass Neandertaler dort nicht nur Knochen aufbrachen, um an das Mark zu gelangen, sondern die Knochen großer Säugetiere in kleinste Fragmente zerschlugen, um daraus durch Erhitzen in Wasser energiereiches Knochenfett zu gewinnen. Diese Entdeckung verändert unser Verständnis von den Ernährungsstrategien der Neandertaler grundlegend und verschiebt den Beginn solch komplexer und arbeitsintensiver Ressourcenverwertung um Zehntausende von Jahren weiter zurück in die Vergangenheit.Systematische Knochenverarbeitung vor 125.000 Jahren

Die neue Studie legt nahe, dass die Neandertaler an einem gezielt gewählten Seeufer eine Art prähistorische „Fettfabrik“ betrieben: systematisch wurden die Knochen von mindestens 172 Großsäugern wie Hirschen, Pferden und Auerochsen verarbeitet. Solche komplexen Praktiken galten bislang als typisch für deutlich spätere Menschengruppen – nun ist klar, dass sie bereits vor 125.000 Jahren zum Repertoire der Neandertaler gehörten.

„Das war intensiv, organisiert und strategisch“, erklärt Dr. Lutz Kindler, leitender Archäologe der Studie. „Die Neandertaler gingen äußerst planvoll vor – von der Jagd über den Transport der Kadaver bis hin zur Fettgewinnung an einem speziell dafür genutzten Ort. Sie wussten um den hohen Nährwert von Fett und verstanden, wie man es effizient zugänglich macht. Wahrscheinlich deponierten sie einzelne Körperteile an geschützten Stellen, um sie später gezielt zur Fettgewinnung an den See zu bringen.“

„Die Produktion von Knochenfett ist sehr arbeitsintensiv und lohnt sich nur, wenn ausreichend Material vorhanden ist“, ergänzt Co-Autorin Prof. Dr. Sabine Gaudzinski-Windheuser, Leiterin von MONREPOS und Professorin an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. „Je mehr Knochen gesammelt wurden, desto ergiebiger und lohnenswerter war der Prozess.“